Vom Genießen und Verweigern

Nudelsuppe! Das ist es! Ich liege seit zwanzig Minuten mit dem Kopf nach unten auf einer Art Sessel, der zu einer Massageliege umfunktioniert wurde und frage mich, was der durchdringende Geruch ist, der aus den Handtüchern strömt. Wir haben nach unseren verschiedenen Trips einen kurzen Stop in Vietnams Hauptstadt eingelegt und zwei Stunden Zeit, bis wir den Nachtzug nehmen. „Wir gehen jetzt mal in einen günstigen Massagesalon“, bestimmt G. resolut. Unsere bisherige Erfahrung beschränkt sich auf ein schickes Spa, das uns vom Hotel empfohlen wurde und das für vietnamesische Verhältnisse im oberen Preissegment liegt. „Hier kriegt man auch für wenig Geld exzellente Anwendungen“, mit diesen Worten aus G.s Mund betreten wir ein Hotel, das mit einem unschlagbaren Angebot wirbt: Für acht Euro kriegen wir eine 60-minütige Ganzkörpermassage.

Nur wenig später sind die angeforderten Masseurinnen (von wo die plötzlich herkamen? Keine Ahnung) da und es geht ab auf die Nudelsuppenliegen. Das warme Massageöl ist anfangs etwas zu heiß und mir entfährt ein erschrockenes Quieken, das die Damen zum Kichern bringt. Dann fängt sie an zu kneten und nach zehn Minuten habe ich das Gefühl, die Zeit vergeht im Schneckentempo. Lustlos, das beschreibt am ehesten, wie sie meinen Rücken behandelt. Ein kurzer Blick zu G., doch die scheint mit geschlossenen Augen zu genießen. Plötzlich ein Vibrieren direkt neben meinem Oberschenkel. Ist das etwa…? Ja, tatsächlich, es ist ihr Handy und die nächsten fünf Minuten beschränkt sich unser Körperkontakt auf meine linke Wade und ihre rechte Hand. Dabei plaudert sie fröhlich und scheint mit ihrer Konzentration irgendwo zu sein, aber sicherlich nicht in diesem engen, stickigen Raum. Kurz darauf erheben sich die beiden Masseurinnen und verschwinden, um warmes Wasser zu holen. Ich drehe mich zu G., die mich verzweifelt anstarrt. Das, was ich für Entspannung gehalten habe, scheint im Gegenteil pure Anspannung zu sein. „Ich möchte hier eigentlich nicht liegen“, sagt sie mit gequälter Stimme. „Die hat mir gerade 52 Mal die Kniekehle massiert, ich habe mitgezählt!“ Doch da sind die beiden schon wieder und der Spaß geht weiter. Ich bin mittlerweile über und über mit fettigen Aromaöl bedeckt, das sind gute Voraussetzungen für eine 14-stündige Zugfahrt. Als sie es sich oberhalb meines Kopfes bequem macht, kann ich gerade noch geistesgegenwärtig: „Not the face!“ sagen. Neben mir glänzt G.s Stirn bereits im Neonlicht. Sie war scheinbar nicht schnell genug. Oder sie hat jeglichen Widerstand aufgegeben, denn kurz darauf schwenkt mir auch noch ihr schneeweißer Oberkörper entgegen. Die kleine Vietnamesin sitzt auf ihrem Rücken und die Tänzerknochen knacken bedenklich. „I don’t want that!“, schreie ich panisch. Jetzt hat meine Masseurin aber auch keine Lust mehr, kurz entschlossen patscht sie mir noch ein paar Mal auf die Rückseite. „Finished.“ Ein herrliches Wort.

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