Frauen, die auf Wellen starren

Meine Lieblingstiere sind in der Regel groß und schwer. Ich liebe zum einen Elefanten und zum anderen Wale, vor allem die riesigen, die sich schwer finden lassen. Elefanten habe ich in meinem Leben ein paar Mal gesehen, aber die Wale sind mir bisher einfach immer durch die Lappen gegangen. Zwei professionell geführte (und natürlich schweineteure) Whale-Watching-Touren haben dafür nicht gereicht, aber jetzt muss es doch einfach so weit sein.
Ich befinde mich schließlich für mehr als sechs Wochen in Australien und Neuseeland, wo die Wale ja nur so aus dem Wasser springen, wenn man den allgemeinen Erzählungen glauben schenkt.

Tag 1 der Walsuche, Sydney: Ich sitze auf einem Felsvorsprung auf halbem Weg zwischen Bondi und Tamarama Beach. Vor mir liegt er da, der riesige pazifische Ozean in all seiner Pracht und Größe. Das Wasser ist ruhig und die Luft so klar, dass ich fast noch den Namen auf den Frachtdampfern lesen kann, die am Horizont vorbei ziehen. Hier scheint alles zu stimmen, also warte ich. Auf ein Blasen, auf einen grauen Schatten, einfach auf irgendetwas, das auf Wale hindeuten könnte. Sehen tue ich so einiges und je länger ich auf die Wellen starre, umso mehr Wale scheinen mehr oder weniger direkt vor mir rumzutollen. Leider stellt sich jedes einzelne dieser Anzeichen im Nachhinein als ein Stein, ein Strudel oder Seetang heraus. Nach zwei Stunden ist mein Po eingeschlafen und ich gebe auf.

Tag 2 der WS, Sydney: Große Aufregung in der Stadt! Heute morgen ist in der Bucht vor Sydney eine Buckelwalmutter mit ihrem Baby gesichtet worden. Nur wenige Meter von der Fähre entfernt, die die Pendler ins Zentrum bringt, sind die beiden mehr als anderthalb Stunden an einem Ort geblieben. Herrlich…Wo war ich? Im Bett. Toll.

Tag 11 der WS, Queenstown: Mir tun die Augen weh, so angestrengt habe ich die vergangene Tage auf das Meer rund um Sydney geglotzt. Ein paar Mal war ich fest davon überzeugt, einen Wal oder einen Delfin (das wäre ja auch schon schön) gesichtet zu haben, aber wie ich feststellen musste, haben Möwen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Buckelwalen. Zumindest aus der Ferne. Jetzt bin ich erstmal an einem See und entspanne mich gezwungenermaßen.

Tag 12 der WS, Milford Sound: Endlich ein Erfolgserlebnis! Wir sind auf einer Tagestour im Milford Sound und auch hier lassen sich ab und zu die größeren Meeresbewohner blicken. Regen und Wind haben mich nicht davon abhalten können, die gesamte Zeit auf dem Oberdeck zu verbringen und die Mühe wird belohnt. Die Sonne kommt raus und als wir uns schon wieder auf dem Anlegeplatz befinden, ist er plötzlich da: Ein großer Delfin, der munter unter unserem Boot hindurch taucht und für allgemeines Gekreische bei den weiblichen Fahrgästen sorgt. Alle rennen über die glatten Planken, die Chinesin im Regencape fällt vor lauter Aufregung fast vom Schiff und tatsächlich zeigt sich die graue Rückenflosse noch ein paar Mal, bevor er wieder genau so schnell verschwindet wie er gekommen ist.

Tag 17 der WS, Abel Tasman National Park: Wir haben eine Tagestour gebucht, die so einiges verspricht. Wandern, Wassertaxi fahren, Kayaken und natürlich die Chance, einen Blick auf Seehunde und vielleicht sogar Orcawale zu werfen. Die Tour beginnt gut, wir sichten direkt einen dicken Seehund, der sich auf den Tiefen der Meerenge einen Oktopus geangelt hat und ihn voller Wonne verspeist. Orcas sind allerdings unauffindbar, auch wenn meine trügerischen Augen wieder mehr als einmal davon überzeugt sind, einen der schwarz-weißen Prachtkörper gesichtet zu haben. Aber wir kriegen noch eine Chance, denn die zweite Tageshälfte gehört den Kayakbooten. Nach intensiver Einführung geht es aufs Wasser und anfangs sind wir euphorisch. So dicht am Wasser kann das lang herbeigesehnte Erlebnis doch nur funktionieren. Doch eine halbe Stunde später beherrschen ganz andere Themen unsere Gedanken. Wieso sind alle anderen schneller als wir? Wieso treiben wir permanent in eine andere Richtung als beabsichtigt? Wie kann es sein, dass der verdammte Ozean an den Strand rollt, wir aber nicht? Und wieso kommen wir einfach überhaupt nicht vorwärts? Meerestiere sehen wir auch nicht und kurz bevor wir endlich auf die Sandbank gleiten, reißt A. der Geduldsfaden: „Die soll jetzt noch ein Foto von uns in diesem Dreckskayak machen und dann nichts wie weg!“

Tag 18 der WS, irgendwo auf dem Weg nach Süden: Ein Schild am Straßenrand weist darauf hin und die Gasse, die zum Strand führt heißt auch genau so. Eine Seal Colony, also eine Kolonie von Seehunden (-löwen, Robben, da bin ich mir nie so sicher), befindet sich ganz in unserer Nähe. Wir biegen ab und es zeigt sich mal wieder: Das sind einfach die einzig verlässlichen Tiere im Ozean. Robben sind immer da, wo man sie erwartet, sie gucken stets irgendwie niedlich und liegen so schön gemütlich da, mit ihren speckigen Körpern.

Tag 19 der WS, Kaikoura: Jetzt aber! Wir sind in Kaikoura, dem Ort auf Neuseelands Südinsel, der direkt vor einem 800 Meter tiefen Meeresgraben liegt. Die hiesigen Bedingungen sorgen für eine ungewöhnliche Artenvielfalt, es gibt Pottwale, Delfine, Albatrosse und natürlich Robben. Das Meer ist spiegelglatt, als wir uns von unserem Hostel in Richtung Whale Watching Encounter aufbrechen. „Bei diesen Bedingungen sieht man die Tiere natürlich am leichtesten“, erklärt unser Host. Empfehlen tut er die Touren trotzdem nicht, denn: Pottwale sind keine Buckelwale. „Eigentlich sieht es immer ein bisschen so aus, als ob riesige Felsen im Wasser schwimmen. Die kommen alle 45 Minuten hoch, atmen ein bisschen und tauchen wieder ab, da sieht man nicht wirklich viel.“ Die eigentliche Attraktion im Ort seien ohnehin nicht die Wale, sondern die Delfine. Riesige Schulen von Dusky Dolphins schwimmen im Meer vor Kaikoura und verzücken mit Kunststücken aller Art und einer natürliche Neugier, die es erlaubt, mit ihnen im offenen Meer zu schwimmen. Man soll ja auf die Locals hören, also buchen wir kurzentschlossen das Definschwimmen.
Am nächsten Morgen um halb neun geht es los. Die Sonne scheint, das Meer glitzert und ein leichter Wind treibt den Geruch von Salz und Fisch in den Ort. Im Dolphin Encounter quetsche ich mich in einen extrem eng sitzenden Neoprenanzug. „Ist das richtig so?“ – „Ja, je enger, je besser“, belehrt mich die fröhliche Mitarbeiterin. Noch ein Paar Flossen und einen Schnorchel und schon sitzen wir im Bus Richtung Hafen.
Dort angekommen werden wir in zwei Boote verfrachtet und Richtung offener Ozean geschippert. Auf dem Weg sichten wir Albatrosse und Robben, der Tag beginnt vielversprechend. Rund zwanzig Minuten später ertönt der ersehnte Aufruf: „Dolphins!“ Das Herz unter dem tight sitzenden Neopren klopft schneller. Ehe ich es mich versehe, sitze ich auf dem Rand des Bootes, starre in die dunklen Wellen und auf die zwei Dutzend Rückenflossen, die kaum zwanzig Meter entfernt auf uns zusteuern. Ein lautes Tröten ertönt und ich stürze mich in die Fluten. Keine Luft! Zu eng! Zu viel Wasser! Zu kalt!! Zu viel Angst! Zwanzig Sekunden lang kämpfe ich mit dem Impuls, einfach umzudrehen und zurück ins Boot zu krabbeln. Dann tauche ich den Kopf unter Wasser und plötzlich sind sie da: Delfine, neben mir, unter mir, mit Babys, größer, kleiner. Manchen von ihnen sind wir scheinbar vollkommen egal, andere kommen näher und gucken mir direkt in die Augen. In der Einweisung haben sie gesagt, dass wir die Tiere nicht anfassen dürfen. Aber dort, mitten im offenen Meer, habe ich auch überhaupt keinen Impuls, die Delfine zu berühren. Es ist tatsächlich ein Privileg, kein Recht, für einen kurzen Moment ihren natürlichen Lebensraum teilen zu dürfen. Das sind wilde Tiere und der Ozean sicherlich kein Streichelzoo.
Dreimal springen wir an diesem Tag in die immer höher werdenen Wellen, am Ende wie berauscht vom Kontakt mit diesen herrlichen Kreaturen. Auf dem Weg zurück fordert die See ihren Tribut, vor lauter Aufregung und Seegang muss ich mich erstmal übergeben. Egal, das war es definitiv wert.

Tag 25 der WS, Otago Peninsula: Was soll ich sagen? Wale scheinen hier irgendwie doch rar zu sein. Wir machen uns also auf die Suche nach den kleineren Meerestieren, genau gesagt Pinguinen. Die Gegend rund um Dunedin beherbergt angeblich jede Menge Blue- und Yellow-Eyed Pinguine, die sich in mehreren Kolonien ansiedeln. Auf der Otago Peninsula stehen die Chancen gut, in den Abendstunden die putzigen Wesen dabei zu beobachten, wie sie den Ozean nach der Futtersuche verlassen, um zu ihren Rastplätzen zu kommen. In Begleitung von J. und J. steuere ich auf den Strand zu, leise natürlich. Dort angekommen gibt es gleich den ersten Dämpfer. Auf dem tiefgoldenen Sand liegt eine speckige Robbe und scheint tief und fest zu schlafen. Ob die schüchternen Tierchen dann überhaupt den Mut besitzen, das Wasser zu verlassen? Wir geben die Hoffnung nicht auf. J. positioniert sich in den Dünen, so dass ich nur noch seinen lichten Haarschopf im Gras sehen kann und der andere J. klettert den einzigen Berg hinauf, der weit und breit zu sehen ist. Was solls, ich bleibe wo ich bin und lasse mich im Gebüsch nieder. Meine Augen fixieren den Ozean, die Wellen sehen schon wieder auf wie hundert kleine Pinguine und es stellt sich langsam aber sicher das beruhigende Gefühl ein, auf ein Element zu gucken, dass immer dasselbe tut, egal was in der Welt passiert. Vielleicht geht es vor allem darum. Nicht, die größtmögliche Anzahl an wilden Tieren zu sehen. Sondern auf ihren Lebensraum zu schauen, die eigene Größe einzuordnen und Dankbarkeit dafür zu empfinden, die Zeit und Muße zu haben, nach den wunderbaren, scheuen, nicht einzuordnenden Wesen zu suchen, die die Meere bevölkern. Vielleicht werde ich aber auch nur poetisch, um mich zu trösten. Denn Pinguine haben wir natürlich nicht gesehen…

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