Ein TukTuk, 30 Kilometer und zwei Staublungen

„Nein!!! Nicht der Müllwagen“, G. reißt panisch die Augen auf und fixiert den großen LKW, der seine intensiv duftende Ladung nur notdürftig mit einem Laken abgedeckt hat. Doch alles Hoffen hilft nicht und wenige Sekunden später befinden wir uns direkt hinter dem Gefährt, das selbst unseren hartgesottenen Fahrer leicht grün im Gesicht werden lässt. Wir befinden uns auf dem Weg zu den Killing Fields, einer Art kambodschanischem KZ, in dem während des Regimes der Roten Khmer mehrere hunderttausenden Kambodschaner den Tod fanden. Doch momentan sind unsere Gedanken nur hier, auf dieser viel befahrenen Straße, die uns raus aus der Hauptstadt Phnom Penh in die Provinz bringt. Klar, wir fahren das mit Tuktuk, macht doch jeder. Und die Atemmasken, die der Fahrer uns geben wollte, lehnten wir natürlich freundlich lächelnd ab. Wir sind doch kein Weichei-Touris! Jetzt bereuen wir diese Wahl. Das Reden haben wir bereits vor einer Viertelstunde aufgegeben, zu groß ist die Anzahl an mehr oder weniger großen Staubkörnern, die uns dabei in den Mund fliegen. Rechts und links von der Straße befinden sich zahlreiche Geschäfte, scheinbar blüht der Einzelhandel in diesem Land. Reifen, Drähte, Lebensmittel, Hühnerkäfige, Apotheken (und vielen Zahnkliniken, das scheint ein echtes Ding für die Einheimischen zu sein)…alles kriegt man direkt auf dem Tuktuk angeboten. Dementsprechend umkurvt unser Fahrer geschickt die vielen Mopeds, die bis zum Rand und darüber hinaus mit allen möglichen Waren beladen sind. Dieser Gleichgewichtssinn kann von uns nur (stumm) bestaunt werden. Langsam wird die Luft immer dicker, die Müllkippen sind ganz ohne Frage an den Rand der Stadt verlagert worden. Wir werden von einem Taxi überholt, das ein Touristenpärchen befördert. Sie winken freundlich, wir können unseren Mittelfinger gerade noch im Zaum halten. Die können ja auch nichts dafür. „Wir müssen doch bald da sein“, mutmaßt S. Schön wärs, stattdessen fahren wir jetzt auf ein Stück Straße, das sich „Under Construction“ befindet. Durch den Monsun, der in den letzten Nächte gefühlt mehrere hundert Liter Regen auf den Boden geschüttet hat, sind die aufgegrabenen Ränder der Fahrbahn komplett verschlammt, dadurch kämpfen sich vereinzelte Mopeds. Unser Fahrer guckt prüfend nach anderen Fahrmöglichkeiten, unsere Hände klammern sich krampfhaft an die kleinen Haltegriffe. Doch nein, er entscheidet sich dagegen. Ob das die beste Entscheidung war? Nur wenige Meter später stecken wir fest, ein Baggerfahrer hat beschlossen, dass er jetzt erstmal gemächlich über die Straße muss. Wie gesagt, der Müllwagen steht immer noch vor uns. „Meine Haare fühlen sich an, als ob eine zentimeterdicke Staubschicht draufliegt“, stellt G. nüchtern fest. S. überlegt derweil, wie lange sie den Atem wohl noch anhalten kann, ohne ohnmächtig aus dem Tuktuk zu kippen. Gibt es eigentlich eine wissenschaftliche Theorie darüber, warum in unangenehmen Situationen die Zeit so viel langsamer zu vergehen scheint? Der Blick schweift nach links, ein Mann kämpft sich mit seiner halben Familie auf einem Moped durch den Schlamm. Die alte Frau schenkt uns ihr schönstes zahnloses Lächeln und als ob es ein gutes Omen ist, biegen wir kurz darauf endlich von der Hauptstraße ab.

Das siebte Ei

Wisst ihr noch, wie das damals war? Wenn man ein Überraschungsei in der Hand hielt und es erstmal kräftig geschüttelt hat, um schon mal eine Ahnung davon zu bekommen, ob vielleicht eine der begehrte Hartfiguren in der gelben Plastikhülle im Inneren versteckt war?
Durchgeschüttelt wurden wir auf jeden Fall, als wir uns im Bus auf den Weg von Saigon in die kambodschanische Hautpstadt Phnom Penh machten. Und das, was wir dann vorfanden, war noch schöner als die Hauptfigur der Hippos oder Disneyfiguren.

Die Stadt kann man mit einem Wort beschreiben: stilvoll. Denn das trifft es, ungeachtet von dem Schmutz in den Straßen, den unbefestigten Wegen und dem süßlich-scharfen Geruch nach Abfällen, der in der Mittagshitze durch die Gassen wabert. Die goldenen Dächer des Königpalasts und der zahlreichen Pagoden, die friedlich schlafenden Fahrer in den reich verzierten Tuktuks (Mopeds mit einer Art offenen Kabine als Anhänger), die breiten Boulevards und die kleinen Straßen, in denen das alltägliche Leben der Menschen tobt. Und die Einwohner dieser Millionenstadt, die nicht nur hervorragend Englisch sprechen, sondern jederzeit mit einem Lächeln im Gesicht das Gespräch suchen, ohne dahinter zwangsläufig ein Geschäft zu wittern. Phnom Penh hat unserer Herzen ganz zufällig erobert, mit seiner entspannten Lebensart und seinen vielen Restaurants, die die meiner Meinung nach gnadenlos unterschätze, weil unfassbar köstliche, Khmer-Küche servieren. Mit einer Geschichte, die wie die Deutsche von Schrecken, Willkür und unfassbaren Gräueltaten geprägt war und aus der trotz alledem ein Schlag Mensch entstanden ist, der freundlich, fröhlich und durchaus charmant ist. Es reicht, wenige Worte auf Khmer wie Danke schön und Hallo zu kennen und alle sind hin und weg. Aus Deutschland sind wir? Ahhh, Football, Champion, Champion. Das kennen sie hier alle. Ein Tuktuk-Fahrer nimmt die Antwort als Herausforderung an: „Do you know Hitler?“ – „Of course, do you know Pol Pot?“ Und schon ist man mitten auf der Straße in einem Gespräch über Diktatoren und schreckliche Vergangenheiten. Doch nicht nur damals, auch heute hat das Land noch massive Probleme: Armut, Korruption, Prostitution – die Liste der Dinge, über die die Einwohner sich beklagen könnten, ist lang. Und dennoch fühlten wir uns in den Straßen von Phnom Penh selbst bei Nacht sicher und erlebten Menschen, die mit Fleiß und Hartnäckigkeit versuchen, ihr Land in eine bessere Zukunft zu führen.
Die Hauptstadt des Königreichs ist unsere siebte Station und sie tatsächlich die schönste Überraschung, die wir uns vorstellen konnten.