Silvester 2015. Oder: Wer muss sich jetzt eigentlich ändern?

Jetzt, sechs Tage nach der Silvesternacht platzen die Medien fast vor Berichten über den sexuellen Übergriffen in Köln. Politiker und Polizei schieben Schuldzuweisungen hin und her und über allem liegt die stete Mahnung, dass noch längst nicht bewiesen sei, dass es sich bei den Tätern jener Nacht um Flüchtlinge handelt. Ich war nicht da und weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass es auch hier, in meiner Heimatstadt, in dieser Neujahrsnacht anders war.

Wo? Caricatura-Bar, Kassel

Wann? 01.01.2016, 03:00 Uhr

Die Stimmung ist feucht-fröhlich als wir uns in die überfüllte Bar reinschieben. Es sind unterschiedlichste Menschen da, Alter, Geschlecht, Hautfarbe, von allem ist etwas dabei. Erst als wir auf der Tanzfläche stehen, sagt J: „Ganz schön viele arabische Männer, oder?“ Vielleicht bemerken wir sie aber auch erst jetzt als wir, drei Frauen, alleine anfangen zu tanzen. Denn plötzlich sind wir umringt von einer Traube junger Männer. Der eine schiebt sich gleich mal ran, um die Verhältnisse zu klären: „I am from Syria.“ Aha, alles klar. Was soll das denn heißen? Aber dann spüre ich auch schon eine Hand auf meinem Po und muss die erstmal nachdrücklich wegschieben. Sie gucken allesamt ein wenig seltsam, mustern uns eindeutig aber mit einem leicht nach innen gerichteten Blick. Egal, wir sind ja hier zum Tanzen und das tun wir auch. Zumindest für circa dreißig Sekunden. Die Traube wird enger, während ich versuche mit wütendem Blick Abstand zu suggerieren. Dann kommt der nächste: „Dance with me, please.“ „No, thanks.“ Ich bin freundlich, warum auch nicht? Die Frage ist nicht schlimm und bitte hat er ja sogar auch noch gesagt. Aber No scheint im Wortschatz noch nicht angesiedelt zu sein. „Dance with me please.“ Dazu kommen schon wieder die Arme in Richtung meiner Hüfte. Ich drücke meine Hände auf seinen Brustkorb und schiebe ihn weg: “No means no.” Dann frage ich ihn ob er Deutsch spricht. Aber auch er sagt nur: „I am from Syria.“ Meine Erklärung, dass der deutsche Ausdruck „So nicht“ sehr wichtig ist, verläuft im Sande, er scheint irgendwie gar nichts mehr mitzukriegen. Unsere männliche Begleitung kommt zurück und die Traube um uns löst sich. Schön, aus Respekt vor mir lassen sie uns nicht in Ruhe, aber immerhin aus Respekt vor anderen Männern. Ohnehin schwofen sie nur ein bisschen nach links, um nebenan bei anderen Mädels weiterzumachen. Ich merke, dass Wut in mir hochsteigt. Verdammt nochmal, es ist eindeutig, dass die das nicht wollen. Aber nach ein paar Minuten wegschieben geben die Frauen auf und gehen. J beobachtet die Szene ebenfalls: „Wahrscheinlich müssen wir jetzt echt die Art ändern wie wir feiern gehen, oder?“ Ist das die Konsequenz? Das will ich einfach nicht akzeptieren. Ich möchte mehr Beobachtungen machen und an Tanzen ist ja ohnehin nicht zu denken. Aber ist es tatsächlich an allen Ecken dasselbe Bild. Mädels, die sich wehren müssen gegen allzu aufdringliche Tanz- und Streichelangebote. Eine läuft fast durch den halben Raum und versucht unauffällig einen Araber abzuschütteln, der mit verklärtem Blick an ihrer Hüfte klebt. Ich schubse ihn schließlich weg und fange mir von ihr noch einen nicht ganz so dankbaren Blick für meine Belehrungen: „Du musst dem das auch sagen! Scheinbar wissen die ja nicht, dass das nicht ok ist und Frauen, die allein tanzen, das nicht nur tun, um von Männern angetanzt zu werden.“ Denn das ist das Gefühl, dass ich mehr und mehr bekomme. Dass sie es nicht wissen und auch nicht verstehen. Die Stimmung ist nicht aggressiv und ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein Risiko eingehe, wenn ich so nachdrücklich meine Ablehnung zeige. P ist das allerdings zu dem Zeitpunkt schon alles egal, sie ist mit ihrem Freund da und kommt ziemlich aufgelöst zu uns: „Mann, die grabschen die ganze Zeit. Ich hatte schon Hände an meinem Po und meinen Brüsten. Das darf doch nicht wahr sein, wir gehen jetzt.“ Was glauben die eigentlich, wer die sind? Frauen in einer Menge antatschen, die ihnen selbst Schutz und dem weiblichen Geschlecht nur noch mehr Hilfslosigkeit bietet, ist einfach das Letzte. Wir halten es auch nicht mehr viel länger in dem Gedränge aus und gehen. Mit einem Gefühl von Wut, von Unverständnis, von Verzweiflung. Ich will nicht, dass diese Szenarien jetzt alltäglich werden, wenn wir abends unterwegs sind. Aber habe ich überhaupt Möglichkeiten, das zu verhindern?

 

Der Kampf ist weiblich

Wild und stark sieht sie aus in ihrer grünen Uniform, die Haare zu zwei festen Zöpfen geflochten und ihr Blick, der nichts Zartes an sich hat, geht direkt in die Kamera. Über 300 feindliche Soldaten starben während des Vietnamkrieges durch die Hand von Generälin Nguyen, deren Bild jetzt im Frauenmuseum mitten in Hanoi hängt. „Vietnam wird auch das ‚Land der Frauen‘ genannt“, erklärt die junge Touristenführerin Hang. „Während und nach dem Krieg wurden viele von ihnen zu nationalen Helden erklärt, die nicht nur militärisch sondern auch humanitär enorm viel geleistet haben.“ Mit 22 Jahren gehört die Vietnamesin zu der Generation, die mit den Legenden dieser Kriegsheldinnen aufwuchsen. Ihre zierliche Figur und ihre leise Stimme lassen anderes vermuten, doch wenn sie anfängt, von den Rechten der Frauen in ihrem Land zu erzählen, wird schnell klar: Starker Willen hat nichts mit der körperlichen Präsenz zu tun. „Der Krieg hat die Rolle der Frauen verändert – doch nicht genug. Wir haben zwar eine Vizepräsidentin, aber immer noch haben Vietnamesinnen schlechtere Jobs und Bezahlung als ihre Männer“, erklärt Hang, die an der Hanoier Universität Tourismus studiert. In ihrer Freizeit bietet sie Touristen unentgeltliche Touren durch ihre Stadt an, um ihnen die vietnamesische Kultur und Geschichte zu zeigen. Dabei ist das Frauenmuseum im Botschaftsviertel ihr liebstes Ziel: „Für mich ist es eines der schönsten und wichtigsten Museen in Vietnam, vielleicht sogar in ganz Asien.“ Besucher können neben den Kriegsheldinnen auch die modischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts und die Stellung der Frau in den ethnischen Minderheiten betrachten. „Eine der größten Volksgruppen sind die Hmong. Hier müssen die Frauen noch heute Angst haben, dass sie von potenziellen Ehemännern entführt werden. Sie sind dann gezwungen, ein paar Tage in seinem Haus verbringen und danach können sie entscheiden, ob sie ihn zum Mann nehmen,“ erklärt Hang. Obwohl es sich so anhört, dass die Frauen in diesem Fall die Wahl haben, sieht sie es nicht so: „Der gesellschaftliche Druck auf Frauen ihrer Stellung als Ehefrau und Mutter gerecht zu werden, ist in ganz Vietnam recht groß. Doch bei den Minderheiten ist es oft noch viel stärker und die wenigsten trauen sich, einen solchen Antrag abzulehnen.“ Sie selbst gehört zu den Viet, die den größten Bevölkerungsanteil in Vietnam bilden. Während die Praxis der Zwangsverheiratung in ihrer Kultur in den letzten Jahren verschwunden ist, sieht Hang noch immer großen Handlungsbedarf. „Gerade in den ländlichen Gebieten ist häusliche Gewalt an der Tagesordnung. Die meisten männlichen Vietnamesen trinken gerne und viel Alkohol, das hat oft unschöne Folgen. Und unser System bietet Frauen zu wenig Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen.“
Neben Generälin Nguyen hängt unter anderem ein weiteres Foto, das eine sehr junge Frau mit kindlichen Gesichtszügen zeigt. Sie hat mit 14 Jahren begonnen, für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen und wurde kurz vor ihrem 18. Geburtstag exekutiert. Hang guckt nachdenklich auf das Gesicht der kleinen Kriegerin: „Frauen haben hier mindestens ebenso viel für unsere Freiheit geleistet wie die Männer. Warum sollten wir jetzt aufhören zu kämpfen?“

Nach dem Vietnamkrieg verlieh die Regierung jenen Frauen, die ihre Kinder in den Kämpfen verloren hatten, den Titel "Heroische Mütter von Vietnam"

Nach dem Vietnamkrieg verlieh die Regierung jenen Frauen, die ihre Kinder in den Kämpfen verloren hatten, den Titel „Heroische Mütter von Vietnam“