Hoch zu Ross in Mittelerde

Ich beuge mich tief über den Pferdehals und Tränen laufen mir über die Wangen, weil der kalte Wind mir ins Gesicht pfeift. Ich bin auf einer Mission, ich spüre es genau! Irgendwas mit einem Ring und kleinen Hobbits, die ich retten muss. Ich bin euphorisch, mein Pferd ist es nicht. Gerade als ich mir einbilde, dass meine Haare dunkel und fettig und mein Name in Wahrheit Aragorn ist, buckelt es zweimal heftig und bringt mich so auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich verliere den Halt und beide Steigbügel, hänge sehr unelegant im Sattel und muss meine beiden Gefährten, die jetzt auch wieder viel mehr wie Iona und Hanna und nicht mehr wie Gimli und Legolas aussehen, mit hysterischen Stop-Rufen anhalten. Naja, gut, jetzt ist es vorbei, das wäre Aragorn mit Sicherheit nie passiert.

Wirklich schlimm ist das allerdings nicht, denn im Schritt lässt sich die Landschaft ohnehin mehr genießen. Vom winzigen Städtchen Glenorchy aus, das rund 45 Minuten oberhalb des neuseeländischen Abenteuermekkas Queenstown liegt, sind wir hoch zu Ross in Richtung Mittelerde gestartet.
So heißt die Landschaft natürlich nicht wirklich, aber nach fast zwanzig Jahren als Drehort für alle Herr der Ringe- und Hobbit-Teile lassen sich Realität und Fiktion nicht mehr ganz klar voneinander trennen. Die Umgebung wirkt merkwürdig vertraut, so oft hat man sie schon gesehen, die rostig rot und grün gefärbten Berge, die im Licht der Sonne plötzlich ocker- und senffarben wirken. Die meisten Gipfel sind schneebedeckt und immer wieder von den dichten Wolken eingehüllt, die Regisseur Peter Jackson bewogen haben, sie zu Tolkiens‘ Misty Mountains zu machen. Am Fuße der Berge wechseln sich breite, von Gletschern geformte Flussbetten mit dichten, uralten Wäldern ab. Alles wirkt wie auf einer perfekten Postkarte und auch wenn im Film viele Landschaften am Computer verändert hat, für die Natur an sich brauchte es sicher keinen Photoshop.
Die ersten drei Stunden am Tag folgen wir den Spuren von Sarumans Armee, danach bestaunen wir die Kampfplätze der drei Ringe-Filme. Die Guides der Dart Stables, die die themenbezogenen Ausritte anbieten, können dabei mit einigen lustigen Fakten aufwarten. So waren die Orks, die im ersten Teil der Trilogie in der Sterbeszene von Boromir den Berg runterrennen, keine Schauspieler, sondern zehn Rugbyspieler aus Queenstown. Jackson steckte sie in dicke Kostüme und befahl ihnen, den Berg so schnell wie möglich runter zu rennen. Da die meisten von ihnen schon nach kürzester Zeit hinfielen und sich dabei die ein oder andere Verletzung zuzogen, ist die Szene im Film aus lauter kleinen Einzelteilen zusammengeschnitten.
Wirklich beeindruckt hat die neuseeländischen Pferdemädchen allerdings nur einer: Viggo Mortensen ist hier auch Jahre nachdem der letzte Herr der Ringe-Film abgedreht wurde noch in aller Munde. Die Szene, in der Aragorn von seinem Pferd Brego gerettet wird, wäre beinahe nicht gedreht worden. Denn bei den ersten Proben mit dem Dummy setzte sich das Pferd einfach auf die Puppe drauf und schien sich nicht mehr vom Fleck bewegen zu wollen. Als Jackson den Dreh daraufhin abbrechen wollte, legte sich der für seine Pferdeliebe bekannte Schauspieler drei Nächte lang in die Bregos Box und so konnte die Szene am Ende doch noch geshootet werden. So viel Hingabe für die Vierbeiner ist in Neuseeland ein Liebesgarant.

Advertisements

Warum seid ihr so fröhlich? So fröhlich, so fröhlich…

Tiefblauer Himmel – lange, weiße Sandstrände – gemütliches Treiben in den blitzsauberen Straßen – unangestrengte, durchtrainierte Menschen, die in fünfzig Prozent der Fälle ein Surfboard unter dem Arm tragen – dicke Bulldoggen und kleine Kläffer, die über die Wiesen überhalb der Strandpromenade flitzen: Bondi Beach, der bekannte Stadtstrand der Millionenmetropole Sydney wird seinem Ruf als hippes Hippieparadies mehr als gerecht.Hier ist alles eine Spur cooler, lässiger und schöner als an den meisten anderen Orten dieser Welt. Teure und gute, aber natürlich völlig bodenständige Restaurants und Cafés säumen die kleinen Straßen, in denen kein Gebäude höher als zwei Stockwerke ist. Die schroffen Klippen, an denen sich die Wellen brechen, rahmen die Bucht ein, in der sich schon morgens um sechs die ersten Surfer in den eiskalten Pazifik wagen. Viele verlassen das salzige Nass erst, wenn die Sonne wieder unter geht.

Ob im Wasser oder nicht, generell scheinen die Menschen vor allem eins zu sein: Gutaussehend und freundlich. Die australische Herzlichkeit tritt hier noch stärker hervor als ohnehin schon und es erstaunt mich und meine deutsch-geprägte Kultur enorm. In jedem Geschäft und Restaurant wird man freundlich begrüßt und nach dem Wohlbefinden gefragt. In einem Schuhladen mit Meerblick lehnt sich die Verkäuferin gut gelaunt über den Tresen und fragt mich, wie mein Tag war. Ich bin so baff, dass ich nur wirre Laute von mir gebe. Das Sicherheitspersonal vor den Läden und Bushaltestellen lächelt! Meine Fantasie reicht nicht aus, um mir das bei den Angestellten von Protex vorzustellen. Wer aus dem Bus aussteigt, ruft fröhlich „Danke schön“ und der Busfahrer winkt noch ein bisschen enthusiastisch hinterher. Reichen ein bisschen Sonne, Strand und Meer aus, um so gute Laune zu verbreiten? Oder haben die Australier einfach sehr viel besser als die Europäer verstanden, dass ein gewisses Maß an Freundlichkeit das Leben einfach schöner macht? Mir ist schon klar, dass hier nicht alle immer gut gelaunt sind und sich nicht jeder, der danach fragt, auch wirklich dafür interessiert wie es mir geht. Aber es gibt mir dennoch das Gefühl, willkommen zu sein, außerdem ist Freundlichkeit ansteckend. Noch ein Beispiel: Ich stoße einer Frau versehentlich meinen Schirm recht schwungvoll in die Seite. Was macht sie? Lächelt mich an. Wenn ich jetzt überlege, wie die Situation in Deutschland ausgegangen wäre, gibt es tendenziell drei Möglichkeiten. Erstens, sie sieht mich nur stocksauer an. Zweitens, sie faucht mir ein „Gehts noch??“ ins Gesicht. Und drittens, und das wäre in Berlin höchstwahrscheinlich passiert, sie schubst mich einmal kräftig.

Bevor ich aber zu der Überzeugung gelangt bin, dass die Australier und insbesondere die Einwohner von Bondi nahezu perfekte Menschen sind, habe ich den Bus am Montag morgen um acht Uhr genommen. Und ich war tatsächlich ein bisschen erleichtert: Denn da sahen die Menschen genauso missmutig und müde aus, wie überall auf der Welt am ersten Arbeitstag nach dem Wochenende. Und dem Busfahrer hat zu dem Zeitpunkt auch niemand mehr gedankt…